Notizbuch der Autoren

 

 

 

Notizen und Neues zu meinem Bodensee-Buch, dazu eine Auswahl  bewährter Adressen, die ich mit besten Freunden besuche. 

von Cornelia Stauch
 

Saison im Bülleland (November 2017): Die Höri – die Landzunge zwischen Radolfzell und Stein am Rhein – wird wegen Ihrer Ähnlichkeit mit einer rothäutigenZwiebel flach, bauchiger Gestalt, auch Bülleland genannt. Die Bülle ist ein exklusives Regionalprodukt, es darf nur auf der Höri angebaut und verkauft werden. Die besonders milde Zwiebel gibt es von August bis Dezember in den Hofläden, Obst- und Gemüseständen der Höri; am ersten Sonntag im Oktober findet auf der Höri alljährlich das Bülle-Fest statt, mit „Bülle-Dünne“, eine Art Zwiebelpizza, Büllebrot und -suppe. www.hoeri-forum.de

Das Besondere an der Höri-Bülle: man kann sie roh essen, ohne die Schleimhaut zu ätzen − somit die ideale Schwester im Wurst- oder Rindfleischsalat. Selbst Exilfranzosen akzeptierten die Bülle als Alternative zur französischen Schalotte.
Bis in die 1970er Jahre galt die Bülle als das charakteristische landwirtschaftliche Produkt auf der vorderen Höri. Die heutige Anbaufläche beträgt nur noch 3 bis 4 Hektar. Die Bülle ist nämlich ein Sensibelchen: wenig lagerfähig, aufwändig im Anbau. Sie wird ausschließlich durch eigene Nachzucht vermehrt, Samen sind im Handel nicht erhältlich. Um die arbeitsintensive Nachzucht und Pflege kümmern sich übers Jahr in der Regel die Älteren in den Bauersfamilien.
Dank engagierter Gärtner, Bauern und Wirte auf der Höri gibt es die Höri-Bülle immer noch - und sie macht derzeit Karriere: Zuerst wurde die autochthone Zwiebel in die "Arche des Geschmacks“ von Slowfood aufgenommen, seit 2014 hat sie den Segen der Europäischen Kommission und trägt den Ehrentitel: "Geschützte geografische Angabe". Jetzt ist der Kunde an der Reihe.

Wenn im Herbst der Nebel am See nicht See nicht weichen will, reichen oft schon die 708 Meter Höhe vom Schiener Berg für klare Sicht. Und über dem See ist auch schön. Und Bülle gedeihen hier oben auch:
In der kleinen Ortschaft Riedern am westlichen Rand des Schiener Bergs, nah der Schweizer Grenze, werden im Biohof Neidhart die mildfeinen Höri-Büllen auf einer Fläche von 9 Ar angebaut. Und auch die Kartoffeln der Neidharts sind etwas Besonderes − egal ob als Pellkartoffel, Kartoffelsalat oder für eine Röschti!  Weitere Hofprodukte: Dinkel, Weizen und Roggen, Gemüse, Apfel- und Birnensaft außerdem milde Schnäpse zu ebensolchem Preis.
♦ Biohof Alexander Neidhart, 78337 Öhningen-Schienen, Hof Riedern. Wochentags nach telefonischer Absprache: Tel. 07735-2627. Freitags auf dem Wochenmarkt in Öhningen, außerdem im Lädele in Schienen.

s’Lädele in Schienen - Im ehemaligen Milchhäusle mit der grün-weiß-gestreiften Markise wird  verkauft, was die Höri hergibt: Produkte von ca. 20 Zulieferern aus der Umgebung: Gemüse u.a. vom Biohof Neidhart, Holzofenbrot vom Bauernhof, Räucherforellen von einem Fischer vom Untersee, Lamm-Salami, Obstbrände und andere Lebensmittel für den täglichen Bedarf. Ein kulinarischer Spiegel der Landschaft.
♦ s'Lädele, Schienerbergstraße 4, Schienen. http://www.laedele-schienen.de; Öffnungszeiten: Mo bis Fr 7.30-12.30 Uhr und 17-19 Uhr; Sa 7.30-12.30 Uhr.
 
Unten am See, gleich am Ortseingang von Moos, am Beginn der Höri, steht der Grüne Baum, 'das' Gasthaus im Bülleland (seit 1873): Als ausgewiesener Büllefreund serviert Hubert Neidhart zur Saison natürlich auch typische Bülle-Gerichte: sehr fein zum Beispiel seine glasierten Zwiebeln oder die Zwiebelsuppe, dazu heißt es: „Die Höribülle - unser Alleinstellungsmerkmal, auf das wir stolz sein können“.
♦ Gasthaus Grüner Baum (Hubert und Liliane Neidhart), Radolfzeller Straße 4, 78345 Moos , Tel. 07732-540 77, http://www.gruenerbaum-moos.de. RT: Di, Mi; in den Sommerferien kein Ruhetag. Mittlere, faire Preise.
Das Hotel/Restaurant Gottfried von Bruder Klaus Neidhart ist seit 2017 geschlossen.
 
 

 

 

 


 

Gaienhofen, Hemmenhofen | Die Kulturecke

Wer Höri sagt, sagt auch Hesse − damit wird das Land am Untersee zur Kulturecke promoviert. Dabei war Hesse nur einer unter vielen Künstlern, die im 20. Jahrhundert auf die Höri kamen. Otto Dix, einer, der gezwungenermaßen im Höri-Paradies wohnte und es von Herzen hasste, lebte länger hier; neben ihm waren noch etwa 40 andere Künstler Höri-Bewohner, darunter Maler wie Heinrich Campendonk, Lionel Feininger und Paul Klee. Unter Künstlern war jedenfalls schnell bekannt, wie gut es sich im milden Klima am See leben läßt. „Schiffbrüchige, rettet Euch mit uns auf unsere einsame Insel?!“ stand auf einer Einladungskarte für ein Fest im Hause Dix.

 

 


 

 

Hermann Hesse lebte mit seiner Familie von 1904 bis 1912 auf der Höri. Zunächst hat er mitten in Gaienhofen ein einfaches Bauernhaus gegenüber der Kapelle gemietet, heute ist darin das Hermann-Hesse-Höri-Museum. Danach Umzug in das vom Architekt Hindermann nach Hesses Wünschen gebaute Haus, entworfen im damals hochmodernen Landhaus-Reformstil. Das Anwesen liegt oben am Erlenloh, am westlichen Ortsrand von Gaien­hofen. Von Arbeitszimmer im ersten Stock hatte Hesse weiten Blick über den Untersee bis zum Rheinausfluß und gegenüber auf den grauen, kühnen Turmhof von Steckborn. Vielleicht war die Querung an der schmalsten Stelle des Untersees sogar seine Lieblings-Ruder- und Einkaufstour – den „lumpigen Bagatellenkram der kleinlichen Menschengeschichten“ einfach hinter sich lassend.
   „Wir lagen in diesen Sommern viel im Boot auf dem See. Sonnten uns, fuhren nach Steckborn hinüber oder ins ‚Schweizerland’, ein Gasthaus zwischen Steckborn und Berlingen... , oder wir lagen an unserm schilfumsäumtren Pappelplatz Hornstaad zu, wo eine kleine Bucht den schönsten Badplatz bot. Es waren sonnige, unbeschwerte, sorgenlose Tage unter Blumen und Tieren; die Haubentaucher schwammen um uns, die Wildenten quakten, grüne, goldene und rosenfarbige Libellen schwebten im Schilf, Eidechsen und auch unschuldige braune Ringelnattern sahen uns zu, sonnenhungrig wie wir selber.“ 
    Ludwig Finckh (1876-1964), ein Freund von Hermann Hesse lebte seit in Gaienhofen als Arzt und Schriftsteller. Familie Hesse blieb nur wenige Jahre, von 1907 bis 1912, im Landhaus am Erlenloh – das Glück auf Lande war ebenso flüchtig wie die Ehe mit Mia.

Hermann-Hesse-Höri-Museum, Kapellenstraße 8, 78343 Gaienhofen Tel. 07735-440949, http://www.hermann-hesse-hoeri-museum.de
Öffnungszeiten: Im Sommer Di bis So 10-17 Uhr; im Winter Fr bis Sa 14-17 Uhr, So 10-17 Uhr. Interessante Wechselausstellungen. Sympathisches kleines Kaffee-Eckle mit interessanter Handbibliothek.
 
Hermann-Hesse-Haus: Das 1997 liebevoll restaurierte Haus mit dem nach alten Vorgaben rekonstruierten Garten befindet sich in Privatbesitz und kann zu bestimmten Zeiten besichtigt werden. Hermann-Hesse-Weg 2, 78343 Gaienhofen. http://www.hermann-hesse-haus.de
 

 

 


 

 

Meine Untersee-Lieblingstour mit dem Kajak geht so: Frühmorgens, wenn der See spiegelglatt da liegt und noch kein Kursschiff unterwegs ist, paddle ich von Hemmenhofen auf der Höri nach Steckborn am Schweizer Ufer rüber. Das sind gerade mal 1,3 Kilometer, die kürzeste Querung auf dem Untersee dauert für weniger ambitionierte Paddler, wie ich einer bin, nur eine knappe Viertelstunde. Mit Wolkengucken, unterwegs einen Apfel essen und den Turmhof von Steckborn mit seiner barocken Dachhaube und den Turmspitzen bewundern – kann sich die Passage auch ziehen.
    Der Turmhof, das Postkartenmotiv vom Untersee, wurde um 1300 erbaut als Sitz der Äbte der Reichenau, er beherbergt heute das Heimat-Museum. Gezeigt wird - oder wurde - die Geschichte des Untersees und der Stadt Steckborn. Details: die erste Hohlsaum-Nähmaschine aus der Gründungszeit von Bernina, der weltbekannten Steckborner Firma. Alte Wirtshausschilder ehemaliger Steckborner Weinstuben. Stockfleckige Fotografien vom Unterseemaler Adolf Dietrich aus dem Nachbardorf. Das Heimatmuseum ist ein Relikt über drei Stockwerke: enge Wendeltreppe, knarrende Holzdielen und Traumblick aus den oberen Fenstern. Hört sich romantisch an, doch eine Renovierung war längst überfällig. Wegen Streitigkeiten zwischen der Stiftung Turmhof und der Heimatvereinigung ging jahrelang nichts voran, im Frühjahr 2015 konnte dann eine Einigung zwischen Stiftung und Museumsverein erzielt werden: Es soll ein paar edle Wohnungen geben und die Ausstellungsfläche des Museums soll erhalten bleiben. Seit 2017 ist der Turmhof angerüstet und das Museum geschlossen.
   
Das Hafengelände ist in Steckborn lückenlos zubetoniert, sonst wäre an der Schiffländi ein feiner Platz zum Frühstücken. In der einfachen, nur saisonal geöffnete Beiz (Ende März bis Mitte Oktober tägl. 8.30-19 Uhr, RT: Mo) wird fast immer eine wunderbare dünnbodige Obstwaihe serviert, eine die es so nur am Schweizer Ufer gibt. Doch die Kratzer am Boot (durch den Betonboden) sind mir die köstliche Waihe nicht wert und so paddel ich einfach ein Stück weiter ins Nachbardorf CH-Berlingen. Noch so eine hübsche Gemeinde, diesmal an der breitesten Stelle vom Untersee. Ein hübscher kleiner Park, eine lange Kaimauer mit Badetreppe; eine Schiffslände mit roter Bank und Nebelglocke – und die schönst gelegene Bäckerei vom Untersee (mit sanfter Anlandemöglichkeit für kleine Boote links vom Steg, Foto unten).
     Von der geschäftigen Seestraße aus gesehen macht die kleine Bäckerei Wahrenberger zunächst wenig her − von der Seeseite fällt der schräg-gelbe Café-Balken dagegen gleich auf. Hier wäre „die“ Kaffeeterrasse mit Landesteg und Blick auf Höri und Reichenau. Somit ein Pflichthalt, um einen Café mit Gipfli zu nehmen. Im Sommer wird bereits ab sieben Uhr im Garten bis knapp zur Uferkante serviert. Allein der stimmungsvolle Garten, über die Jahre völlig unverändert, ist ein Kleinod. Viele Gäste kommen mit dem Boot und nutzen den haus­eigenen Landesteg. Wer vom Land kommt, findet Parkplätze auf dem Dorfplatz oben beim Bahnhof. Und schon ist der Vormittag rum und ich bin noch nicht einmal zum Baden gekommen. Hermann Hesse tut sich da mit seinem Ruderboot leichter: "nach wenigen Minuten bin ich der Kleider ledig, habe den köstlichen Sprung in die Kühle getan und schwimme ziellos in dem weichen, durchsichtig reinen Wasser dahin...." (Hermann Hesse, Ein Bummeltag). Ich habe mein "kleines, schmuckes Fahrzeug" aber genauso lieb.

Museum im Turmhof, Seestrasse 84a, CH-8266 Steckborn. http://www.turmhof-museum.ch Derzeit wegen Renovierung geschlossen.

Café Conditorei Wahrenberger, Seestrasse 111, CH-8267 Berlingen, Tel. 052-7611336;
Garten, Seeterrasse, RT: Di.
 

 

 

 


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